Schlange, Eva, Adam und Gott

Glaubensimpuls

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Predigt zu 1. Mose 3,1-13

Versuchungen, wo wir uns am besten auskennen

Dem ersten Sonntag in der Fastenzeit ist jeweils das Evangelium von der Versuchung Jesu zugeordnet. Jesus zieht sich für vierzig Tage und vierzig Nächte in die Wüste zurück um zu fasten. Er bereitet sich damit nach seiner Taufe auf das Wirken unter den Menschen vor.

In dieser Zeit wird Jesus vom Teufel auf die Probe gestellt und geprüft: Lässt er sich von seinem Weg abbringen? Wird er schwach? Lässt er sich umstimmen, wenn ihm entsprechende Angebote gemacht werden, Angebote, die durchaus attraktiv sind?

Dem Hunger in dieser Welt ein Ende bereiten, das wäre doch eine gute Sache. Unverletzbar bleiben, damit wäre viel gewonnen. Macht über diese Welt ausüben, das könnte den endgültigen Sieg bringen.

Die Art und Weise wie Jesus auf die Probe gestellt wird, zeigt uns, dass die größten Versuchungen stets da vorliegen, wo wir uns am besten auskennen und wo etwas unserem Denken entspricht. Darum zitiert der Teufel aus den biblischen Schriften. Und was er Jesus anbietet, das müsste doch eigentlich ganz in Jesu Sinn sein.

"Sündenfall" und andere Vorverständnisse

Dieser Art der Versuchung möchte ich gerne nachgehen. Aber ich tue es anhand des Textes der Lesung aus dem Alten Testament. Es ist die Geschichte vom sogenannten Sündenfall — so jedenfalls lautet die Überschrift in der Lutherbibel. Es ist eine meisterhafte Erzählung, die uns zeigt, wie wenig es braucht, um uns auf Abwege zu bringen.

Zunächst aber noch einige Worte vorab. Denn Adam, Eva und die Schlange sind ein Dreiergespann, dem in der Tradition der Schriftauslegung so manches angehängt wurde, was beim genaueren Lesen der Geschichte gar nicht so dasteht. Es gilt also zunächst einmal die Brille zu putzen, mit der wir diese Geschichte bisher gelesen haben. Wir werden sehen, dass wir mit einem neuen Blick darauf auch Neues entdecken.

Da ist als erstes die Bezeichnung dieser Geschichte als Sündenfall. Diese Angabe ist durch die Tradition der Dogmatik, der christlichen Lehre hinzugekommen. Von Sünde und auch von Versuchung ist in der ganzen Geschichte nirgends die Rede. Auch sollte man nicht die Schlange mit dem Bösen und als Gegenspielerin Gottes in Verbindung bringen. Von der Schlange wird eindeutig gesagt, dass Gott sie gemacht habe. Sie ist ein Geschöpf Gottes und damit ihm untergeordnet.

Gerne wurde diese Geschichte auch hergenommen, um zu unterstreichen, dass die Sünde durch die Frau in die Welt gekommen sei. Wie schon gesagt, von Sünde ist in dieser Geschichte nicht die Rede. Und wenn es darum geht, wie wir uns zu Fehlverhalten und Ausreden verleiten lassen, dann sind in dieser Geschichte beide Geschlechter mit beteiligt. Dass die Frau die erste Ansprechpartnerin der Schlange ist, hängt wohl damit zusammen, dass in den Zeiten, zu der diese Geschichte erstmals erzählt wurde, die Frauen im Wesentlichen für das Gewinnen der pflanzlichen Nahrung zuständig waren. Dazu gehörte das Pflücken der Früchte von den Bäumen. So zeigen es zahlreiche Darstellungen aus dem Alten Orient.

Paradiesische Zustände

Was mich an dieser Geschichte immer wieder neu fasziniert, das ist die hohe Erzählkunst und die gute Beobachtungsgabe, die darin zum Ausdruck kommt. Wer so Geschichten erzählen kann, um damit zu erklären, warum wir Menschen so sind wie wir sind, der schafft es, Groß und Klein zugleich zu faszinieren.

Doch, was hat sie uns zu sagen, diese Geschichte? In den wenigen Versen aus dem zweiten Kapitel heißt es, dass Gott den Menschen den Garten Eden überlässt. Er ist ein Ort, an dem sie wohnen können und eine Aufgabe haben. Es wird ausdrücklich gesagt, dass die Menschen diesen Garten bebauen und bewahren sollen. Von allen Bäumen dürfen sie essen, mit einer einzigen Ausnahme: vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse dürfen sie nicht essen. (1. Mose 2,17) Das ist eigentlich logisch: Solange man sich im Paradies, im Garten Eden befindet, wo alles gut ist, braucht es keine Unterscheidung von Gut und Böse.

Misstrauen wird gesät …

Die Schlange jedoch interpretiert die Situation in leicht geänderter Weise. Statt dass die Früchte nur eines Baumes vom Verzehr ausgenommen sind, stellt sie gleich alles in Frage: „Hat Gott wirklich gesagt, dass ihr von keinem der Bäume im Garten essen dürft?“ (1. Mose 3,1)

Die Schlange übertreibt Gottes Verbot und tut so, als sei sie befremdet über so viel Härte. Damit schiebt sie einen ersten Keil zwischen die Frau und Gott. Das ursprünglich bestehende Vertrauensverhältnis beginnt zu bröckeln. Misstrauen wird gesät. Gott wird so dargestellt als sei er ein willkürlicher Despot, der den Menschen die guten Dinge des Lebens vorenthält. Das kann es doch nicht sein! Da habt ihr Gott aber ganz falsch verstanden!

Die Strategie der Schlange geht auf. Sie greift einen einzelnen Aspekt von dem auf, was Gott gesagt hat. Sie verdreht und übertreibt das Ganze und schon ist die Frau auf diese Art von Propaganda hereingefallen.

Übrigens: Erst am Ende des Kapitels, nachdem alles gründlich schief gelaufen ist, gibt Adam der Frau den Namen Eva. Das bedeutet „Leben“. Denn Eva steht am Anfang aller Mütter, die Leben zur Welt bringen.

… und entfaltet seine Wirkung

Doch zurück zum Gespräch mit der Schlange. Noch versucht die Frau der Rede der Schlange etwas entgegenzuhalten. Sie legt dar, was Gott gesagt hat. Aber auch bei ihr schleicht sich eine Veränderung gegenüber der ursprünglichen Anweisung Gottes ein: Das Verbot von dem Baum in der Mitte des Gartens zu essen weitet die Frau selbst aus zu einem Verbot, die Früchte überhaupt nur anzurühren. Das gesäte Misstrauen wirkt. Die Frau traut Gott nicht mehr und zieht den Zaun des Verbotes enger als er ursprünglich war.

Ein bisschen verändern, ein wenig übertreiben, den Sachverhalt so darstellen, dass er für mich passt, dem andern nach dem Mund reden und sich entsprechend einschmeicheln: Die Schlange erklärt der Frau die Welt aus ihrer Perspektive. Sie tut es so lange, bis diese die neue Sichtweise übernommen und sich angeeignet hat. Diese Art von Propaganda ist eine eigene Form, Macht auszuüben und zu missbrauchen. Wir können das im politischen Tagesgeschäft laufend mitverfolgen. Und wir sind dem in den Sozialen Medien permanent ausgesetzt.

Ehrlich gesagt halte ich diese Halbwahrheiten und Verdrehungen für gefährlicher als die offensichtlichen Lügen. Denn diese sind leichter zu erkennen. Man kann ihnen besser entgegen treten. Aber wenn die Propaganda nur subtil und versteckt daherkommt, dann ist sie schwer zu durchschauen.

Werden wie Gott?

Auf jeden Fall schafft es die Schlange, die Frau dahingehend zu überreden, dass der Genuss der verbotenen Früchte nicht den Tod herbeiführt, sondern zu gottähnlichen Fähigkeiten führt. Wer von den Früchten des Baumes isst, kann zwischen Gut und Böse unterscheiden. Die Schlange bringt es auf den Punkt: „Ihr werdet wie Gott sein und wissen, was Gut und Böse ist.“ (V5)

So geschieht, was nicht hätte geschehen sollen: Die Frau nimmt  eine Frucht, beißt hinein und teilt, was sie hat, mit ihrem Mann. Die beiden sterben nicht und sie werden auch nicht so klug wie Gott. Das einzige, was sich einstellt, das ist die Erkenntnis, nackt zu sein.

Oder nackt und klug wie die Schlange?

An dieser Stelle — wie noch an anderen Stellen in den ersten Geschichten der Bibel — hat der Geschichtenerzähler ein Wortspiel eingebaut: Die Frau erhofft sich so zu werden, wie es die Schlange versprochen hat, nämlich klug. Im Hebräischen heißt klug „arum“. Doch das einzige was herauskommt, das ist nackt, auf Hebräisch „arom“. Die Schlange also, das kluge Tier, das selbst ohne Fell und ohne Federn ist, sie teilt nun mit den Menschen ihre beiden Eigenschaften: „arum“ und „arom“, Klugheit und Nacktheit zugleich.

Und die Menschen? Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich notdürftig einzukleiden mit dem, was gerade vorhanden ist: mit großen, grünen Feigenblättern. Unterscheiden zu können was Gut und was Böse ist, bringt das Bedürfnis mit sich, sich zu schützen.

Denn wer nicht erkennt, wer nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden kann, braucht sich auch nicht zu schützen. Er kann laut heraus sagen, was Sache ist, ohne sich dafür schämen zu müssen. Das ist das Privileg unmündiger Kinder. Es ist ein Kind, das im Märchen von Hans Christian Andersen mit dem Namen „Des Kaisers neue Kleider“ das ausspricht, was alle denken, aber niemand zu sagen wagt: „Der ist ja nackt.“ Wir aber, die Erkennenden, wir kennen die Scham. Wir trauen uns nicht etwas zu sagen und versuchen uns zu schützen.

Wo bist du?

Doch für das Bedürfnis sich selbst zu schützen, ist es mit einem Feigenblatt nicht getan. Die Erkenntnis hat es mit sich gebracht, dass das vertrauensvolle Verhältnis zu Gott einen tiefen Riss erfahren hat. Wo kein Vertrauen mehr da ist, da beginnt die Furcht; da scheut man das Licht der Öffentlichkeit; da muss man sich verstecken und das Geschehene vertuschen.

So sind auch Adam und seine Frau nicht mehr auffindbar im schönen Garten Eden. „Wo bist du?“ fragt Gott. Als ob er nicht dazu fähig wäre den Menschen zu finden. „Wo bist du?“ Die Frage Gottes gilt doch mehr dem Menschen, der sich selbst verirrt und verloren hat.

„Wo bist du? Wo hast du deinen Ort? Wo stehst du gerade?“ Mit dieser Frage spielt Gott dem Menschen den Ball zu. Jetzt könnte er erklären, dass er sich verirrt hat. Jetzt könnte er seinen Standpunkt erläutern und seine Schuld eingestehen. Aber es kommt so, wie wir es immer wieder im Miteinander unter uns Menschen sehen können. Es wird meist nur gerade soviel zugegeben, wie nur unbedingt nötig ist.

Schuld wird verschoben

Auch Adam startet bei seiner Antwort auf Gottes Frage mit einer Halbwahrheit: „Ich habe dich im Garten gehört und Angst bekommen. Ich habe mich versteckt, weil ich nackt bin.“ (V10) Daraufhin bohrt Gott nach und legt ihm quasi das Geständnis in den Mund: „Hast du etwa von dem verbotenen Baum gegessen?“ (V 11) Doch Adam weicht mit der Ausrede aus, die wir bis heute hören: Ich war es nicht, aber die andere da auch.

Ja, er geht sogar noch etwas weiter und versucht den Spieß umzudrehen. Adam, der Mensch, sagt zu Gott: „Die Frau, die du mir zur Seite gestellt hast, hat mir davon gegeben, und ich habe gegessen.“ (V12) Gott selbst ist also schuld an der ganzen Misere. Hätte er Adam eine andere Frau gegeben, dann hätte das Ganze nicht so desaströs geendet.

Fragt Gott nun die Frau, so schiebt auch sie die Schuld weiter auf die Schlange. Die hat sie betrogen. Ob Mann oder Frau, beide versuchen den Konsequenzen ihres Fehlverhaltens aus dem Weg zu gehen: Sie verstecken sich aus Scham und Angst. Sie versuchen sich selbst zu rechtfertigen. Sie suchen nach einem Schuldigen außerhalb ihrer selbst. Sie klagen Gott an und machen ihn verantwortlich, um nicht selbst Verantwortung übernehmen zu müssen. Es sind alles Versuche, der eigenen Hilflosigkeit zu begegnen. Aber sie laufen ins Leere.

Umkehr als neuer Weg

Diese Geschichte erscheint mir deshalb so meisterhaft, weil ich darin nicht nur meine Mitmenschen erkenne, sondern auch mich selbst darin finde. Im Spiegel dieser Geschichte sehe ich, wie anfällig ich für Propaganda jeder Art bin. Wie gerne ich die Schuld auf andere schiebe. Wie wenig ich bereit bin, Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen. Wie bequem es doch ist, mir von anderen die Welt erklären zu lassen. Wie oft ich mich zum Misstrauen verleiten lassen, gerade auch Gott gegenüber.

Die größten Versuchungen sind da, wo wir uns am besten auskennen, habe ich am Anfang der Predigt gesagt. Wir kennen uns selbst am besten. Wenn ich aus dem Verhalten die Schuld weiter zu schieben, herauskommen möchte, dann beginnt der Weg bei mir selbst. Wage ich es, in den Spiegel zu schauen und darin zu erkennen, wie nackt ich eigentlich bin? Höre ich auf mit Beschönigen und die Dinge so darzustellen, dass ich dabei am besten wegkomme? Der neue Weg beginnt damit, dass ich meine Schuld eingestehe, Bereitschaft zeige, mich zu ändern und verändern zu lassen. Die Einsicht ist der Anfang der Umkehr.

Die Gnade des Gewands

Wir stehen am Beginn der Fastenzeit. Wir können diese Zeit nützen, um uns selbst zu prüfen. Wir werden dabei feststellen, dass wir nackt sind. Aber wir sehen hoffentlich auch noch etwas anderes: dass Gott uns in allem Versagen dennoch den Mantel der Gerechtigkeit umlegt, wie es in Jesaja 61,10 heißt.

Denn so endet die Geschichte von Adam und Eva und der Schlange: Gott selbst macht den Menschen Kleider und zieht sie damit an. Er gibt den Menschen den Schutz, den sie sich selbst nicht geben können. Und dieser Mantel der Gerechtigkeit ist vergleichbar mit dem neuen Kleid, das wir in der Taufe angezogen haben. Das Kleid von Gottes Gnade, die uns reingewaschen hat. Amen.

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