In den Mokassins gehen

Glaubensimpuls

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Betrachtung zum Monatsspruch vom Juni aus Hebräer 13,3: Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!

Was sollen wir ab heute anders machen?

Bei einem Podiumsgespräch anlässlich der Jährlichen Konferenz 2026 zum Thema „Kühn lieben – wie geht das?“ wurden die Teilnehmenden zum Schluss gefragt: Was sollen wir ab heute anders machen? Als Antworten wurde genannt: noch risikofreudiger sein; die eigene Komfortzone verlassen; respektvoll miteinander umgehen, auch wenn man anderer Meinung ist.

Eine weitere Antwort ist mir hängen geblieben: „Den Heiligen Geist um den nächsten Schritt fragen und in Mokassins gehen.“ Diese letzte Antwort bezieht sich auf die indianische Weisheit, dass man jemand anderes erst dann gut versteht, wenn man lange genug in seinen Schuhen oder Mokassins gegangen ist.

In den Schuhen anderer Menschen gehen

Diese indianische Weisheit auf den Monatsspruch aus dem Hebräerbrief zu beziehen, ist ganz schön herausfordernd. Wie soll ich jemanden besser verstehen können, der in Gefangenschaft lebt? Ein Gefängnis ist ein Ort, den man sich nicht freiwillig aussucht. Ebenso wenig lassen wir uns einfach so misshandeln, um uns damit anderen gleichzustellen.

Aber wir ahnen, worum es geht: um Einfühlungsvermögen. Es braucht eine grundsätzliche Bereitschaft, mich mit einer anderen Lebenssituation auseinanderzusetzen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie sich ein anderer Mensch in diesem Moment fühlt.

Niemand verlangt von mir, dass ich als erwachsene Person einen Tag lang Windeln trage, um Menschen besser zu verstehen, die an Inkontinent leiden. Aber wenn ich mich mit Hilfe meiner Vorstellungskraft in ihre Situation versetze, werde ich eher ahnen, was für sie schwierig ist.

Wegen des Glaubens in Gefangenschaft

Die Aufforderung des Hebräerbrief, den Gefangenen und Misshandelten gegenüber Mitgefühl zu zeigen, spiegelt etwas von der frühchristlichen Lebenswelt wider. Jesus nachzufolgen und ein christliches Leben zu führen, war damals ein grundsätzlich anders als alles, was üblich war.

Nächstenliebe zu zeigen, Gott allein und nicht anderen Göttern die Ehre zu geben, Demut zu üben, sich um Alte, Kranke, Schwache zu kümmern, das war ein Kontrastprogramm, das nicht überall auf Verständnis stieß. So kam es dazu, dass manche um des Glaubens willen im Gefängnis landeten.

Kühn lieben – wie geht das?

Kühn lieben, das bedeutet nicht nur, etwas zu wagen, was außerhalb meiner Komfortzone liegt. Der Hebräerbrief macht uns aufmerksam auf menschliche Lebenssituationen, die ganz anders sind als die unsrigen und die unser Einfühlungsvermögen brauchen. Dabei ist es gut, den Heiligen Geist um Hilfe zu bitten. Mit seiner Kraft werden wir dazu den nächsten Schritt bewältigen.

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