Gott sieht mich einfach nicht... Oder doch?

Glaubensimpuls

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Dorothee Büürma

Pastorin, Erwachsenenbildung


Eine Predigt zu 1. Mose 21,9-21, gehalten in Salzburg am 25.6.2023

Die Bibeltexte für den heutigen Sonntag, sind Texte, die nicht unbedingt „leichte Kost“ sind, wie man heutzutage vielleicht sagen würde.

Jesus spricht in Matthäus 10 davon, dass zum Glauben dazugehört, das Kreuz auf sich zu nehmen. Also, dass Glauben nicht nur eine leichte Entscheidung ist, sondern dass das Leben im Glauben manchmal sehr schwer sein kann.

Und die Stelle aus dem Alten Testament ist eine wunderbare Erinnerung, warum es wichtig ist, auch diese Texte zu lesen, die von Menschen erzählen, die schon vor tausenden von Jahren gelebt haben. 

Wo die Evangelisten im Neuen Testament oder auch Paulus recht deutliche Meinungen vertreten und auch moralisch Situationen recht klar beurteilen, da erzählen die Bücher des Alten Testaments einfach Geschichten. Geschichten über das Leben, mit seinen Höhen und Tiefen.

Die Abrahamgeschichte ist da ein wunderbares Beispiel. Ich möchte sie in der Predigt ein bisschen nacherzählen, damit wir Parallelen der heutigen Lesung zur größeren Geschichte von Abraham, Sara und Hagar vor Augen haben.

So beginne ich diese Predigt mit Worten, die ich zur Jahreslosung im Jahresschluss-Andacht schon angedeutet hatte, aber nicht ganz ausführlich gepredigt hatte:

Zur Erinnerung - die Jahreslosung dieses Jahres heißt: „Du bist ein Gott, der mich sieht“.

Für Christ*innen im 21. Jahrhundert in Ländern wie Österreich, Deutschland oder auch den USA ist die Aussage der Jahreslosung eine bekannte Glaubensaussage.

Wir nehmen doch stark an, dass Gott auch uns sieht. 
Wir glauben, dass Gott in Jesus Christus den Menschen ganz nah kam. Gott wird in ihm sichtbar in Menschengestalt. Natürlich sieht Gott die Lebenslage seiner Geschöpfe und nimmt sich ihrer Situationen an. Deshalb beten wir in Fürbittgebeten ja auch nicht spezifisch, dass Gott zu bestimmten Menschen bitte hinsehen soll, sondern wir erwarten von Gott quasi automatisch, dass Gott schon gesehen hat und versteht, was wir Menschen wirklich brauchen im Leben. 

Wozu dann dieser Ausspruch der Jahreslosung? 
Was hat er uns heute an Neuem zu sagen?

Die Antwort ist auf den ersten Blick versteckt. 
Eine Frau geht durch die Wüste. 
Doch genau darum geht es in diesem Bibelvers. 
Um eine Frau in der Wüste – einsam, allein, hilflos, gefühlt von Gott und der ganzen Welt ignoriert und verlassen!

Die Frau, die diese Worte ausgesprochen hatte, war Hagar, die Magd von Sarai, Abrams Ehefrau. 
Hagar hatte als Dienerin Sarais und anstelle ihrer scheinbar wenig fruchtbaren Herrin ein Kind von Abram empfangen. Sie war schwanger und wurde von der eifersüchtigen Sarai übel behandelt. 
Hagar war alles zu viel geworden – sie ergriff die Flucht. 
Die Magd verließ die Sicherheit ihres Herrn und lief durch die Wüste. 
Anhand der Ortsangaben im 1. Buch Mose kann man davon ausgehen, dass Hagar recht weit allein durch die Wüste geirrt sein musste – wahrscheinlich auf dem Weg nach Ägypten, ihrem Herkunftsland.
Die Wüste war kein sicherer Ort – vor allem nicht für eine schwangere Frau, die ohne großen Proviant oder Schutz davongerannt war. Hagar musste sehr erschöpft gewesen sein und am Ende mit ihren Kräften, als sie den Brunnen erreichte. 

In dieser ausweglosen, hoffnungslosen Situation erscheint Hagar ein Engel Gottes. Und Hagar, die Ausgestoßene, die fast nichts wert war für ihre Mitmenschen, ist die erste Frau, die mit Gottes Engel spricht. Dass Gott wirklich ihr kleines erbärmliches Schicksal sieht und ihr helfen möchte, muss für Hagar unglaublich sein. Für sie ist der Ausspruch: "El-Roi – der Gott der mich sieht" ein starkes Bekenntnis ihres Glaubens oder Vertrauens in den Gott Abrams. 
Gott gibt ihr ein weiteres Hoffnungszeichen: Ihre Nachkommen sollen zahlreich sein. Ihr Sohn soll den Namen "Ismael" = "Gott hat gehört" bekommen.

Gott hat gesehen und Gott hat gehört.
Das Leben von Hagar ist durch diese Begegnung mit dem Engel Gottes verändert. Hagar wagt den weiten Weg zurück und ist bereit für die Demütigung nach der Rückkehr, weil sie weiß, dass Gott sie sieht. Soweit die Geschichte um den Bibelvers der Jahreslosung.

Vor diesem Hintergrund verstehen wir vielleicht die heutige Lesung, ein bisschen weiter hinten im 1. Buch Mose, etwas besser.

Die Kinder Ismael und Isaak wachsen heran und wie nur kleine Kinder es schaffen, spielen sie ganz unbeschwert miteinander, ohne zu merken, dass zwischen ihnen eine tiefe Familienkluft herrscht. 

Für Sara wird das alles zu viel. Sie hält die Freundschaft der beiden Söhne Abrahams nicht aus. Sie fühlt sich gedemütigt, weil schon der Anblick von Ismael sie daran erinnert, dass Abraham diesen Sohn als Erstgeborenen von seiner Magd empfangen hat. Auch wenn er der Sohn der Magd ist, so hatten erstgeborene Söhne zur Zeit des Alten Testaments doch einige Privilegien. 

Sara macht sich sicher Sorgen, ob ihr Sohn Isaak den Anspruch auf das Erbe haben würde, wenn er doch eigentlich der Zweitgeborene ist. Sie hält die Anspannung nicht mehr aus und wieder einmal überzeugt sie Abraham, die Zukunft in die eigene Hand zu nehmen. „Jag die beiden fort“, befiehlt Sara Abraham. Schick sie in die Wüste! Dort war die schwangere Hagar ja schon einmal gewesen; dorthin soll sie zurück!

Abraham fällt die Entscheidung sichtbar schwer. Den eigenen Sohn in die Wüste jagen? Und die Magd, die ihm treu gedient hatte, trotz aller Scham…
Wir erfahren nicht, wie Sara Abraham letztendlich überzeugen konnte, den eigenen Sohn in die Wüste zu schicken. Sie muss ihre Mittel gehabt haben. Jedenfalls gehorcht Abraham Saras Aufforderung und schickt Hagar und Ismael, ausgestattet mit Reiseproviant, fort. 

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, wenn ihr diese Geschichte so hört. 

In meinem eigenen Leben hat sich die Art, wie ich mit der Lebensgeschichte Abrahams und seinen Entscheidungen umgehe, mehrfach verändert. 
Als Kind, in den Kinderstunden meiner Heimatgemeinde, da habe ich immer nur die schönen Teile der Geschichte Abrahams gehört. Und schöne Lieder über ihn gesungen. 
Als Jugendliche habe ich im Konfirmationsunterricht und auch im Religionsunterricht in der Schule den Rest der Geschichte kennengelernt. Und ich war zutiefst erschüttert! Wie kann so ein Mensch, der so unbarmherzig und unverantwortlich ist, von Gott geschützt werden und von mehreren Weltreligionen als Stammvater geehrt werden?

Als junge Erwachsene habe ich einen Bibliodrama-Abend zum Thema Abraham besucht. Dort haben wir spielerisch die Gefühle und Entscheidungen der einzelnen Charaktere nachempfunden und sie mit unseren eigenen Lebenserfahrungen verglichen. In den Gesprächen mit Menschen, die größtenteils deutlich älter waren als ich, habe ich erkannt, dass es im Leben oft nicht so einfach ist. Ein Mensch ist nicht einfach nur gut oder böse, wie es Kinder sich oft wünschen, um die Welt irgendwie einzuordnen.

Entscheidungen sind nicht einfach aus guten oder bösen Absichten entstanden, sondern es gibt eine Vielfalt an Gefühlen und Erinnerungen, die uns im Leben beeinflussen.
Und im eigenen Leben habe ich erfahren, dass auch die schönsten Lebenspläne und Ideen sich manchmal nicht so entwickeln, wie wir das gern hätten. 

Manchmal sind wir vielleicht wie Abraham unter Druck gesetzt von verschiedenen Seiten, mit vielen Erwartungen von Menschen, die uns wichtig sind. Wir lassen uns auf Entscheidungen ein, um diesen Druck anderer zu beenden, ohne dass wir die Konsequenzen verstehen können. Oder ohne auf alternative Lösungen zu warten. 

Manchmal sind wir sicherlich auch wie Sara(i), voller Angst und Sorgen, dass sich unsere Lebenspläne nicht so entwicklen, wie sie sollten, dass uns die Zeit davonläuft. Ungeduldig nehmen wir Dinge selbst in die Hand, die vielleicht gar nicht nur unsere Entscheidungen sind. 
Gefühle wie Neid, Eifersucht, aber auch Existenzängste verleiten auch heutzutage immer wieder zu Entscheidungen, die unser eigenes Wohl über das der Mitmenschen stellen.

Je mehr „Leben“ ich selbst erlebe, je älter und hoffentlich weiser ich werde, umso mehr staune ich über die Geschichte von Abraham.

Ich staune, weil ich Gottes Handeln sehe:

Gott, der in dieser Geschichte doch alles in der Hand hat, der doch Herr über Leben und Tod ist, der Abraham und Sarai ganz klare Aufträge und Verheißungen gegeben hat, Gott sieht auch die menschliche Situation.

Obwohl Abraham und Sarai nicht auf den verheißenen Sohn gewartet hatten, nimmt Gott das Kind der Magd Hagar als Abrahams Sohn an. Und schenkt auch Hagar die Zusage, dass auch sie und ihre Sorgen von Gott gehört werden. Siehe da: als Hagar und Ismael wieder in die Wüste und dort in Not kommen, da sieht Gott sie und hilft. Er öffnet Hagar die Augen, damit sie sieht, was sie zum Überleben braucht: Wasser aus einer Quelle und eine Perspektive für die Zukunft. 

In der Geschichte von Abraham, Sara und Hagar und von den beiden Halbbrüdern Ismael und Isaak, wird ganz deutlich, dass Gott die Entscheidungen und Gefühle der Menschen nicht beurteilt oder verurteilt, sondern dass Gott ihnen in ihren Fehlern beisteht und neue Lösungen zeigt. 

Gott beruhigt Abraham und auch Hagar mit dem Versprechen, dass auch der ursprünglich nicht eingeplante Ismael von Gott beschützt und zum Stammvater eines großen Volkes gemacht wird. 

Gott, der uns sieht und hört, ist uns Menschen so nah, dass er auch unsere Lebensumstände und Herausforderungen wahrnimmt. 
Welche Ängste oder Sorgen uns im Leben begleiten – Gott sieht auch uns.

Wenn unsere Entscheidungen, die wir versuchen aus Liebe zu Gott und zu unseren Mitmenschen zu treffen, sich anfühlen wie ein schweres Kreuz, das wir tragen, dann gilt auch uns die Zusage Jesu: In den schwierigen Zeiten schenkt er uns neuen Lebensmut.

Und wenn wir müde, erschöpft oder hoffnungslos sind, dürfen wir glauben wie Hagar oder wie die Jünger Jesu, dass Gott sich uns zuwendet, wenn wir selbst mit unseren Kräften am Ende sind; dass Gott Kraft schenken kann.
Und dass wir uns damit gestärkt auch den schwierigen Entscheidungen stellen können, die von uns im Leben immer wieder getroffen werden müssen.

Das Leben als Christ:in ist nicht immer einfach. Nur weil wir an Gott glauben, werden wir nicht von den Problemen des Lebens verschont. Nur weil wir uns nach Gottes Frieden sehnen, werden die Kriege der Welt nicht von selbst aufhören.
Wer sich, wie Jesus, für das Wohl der benachteiligten Menschen einsetzt, der wird dafür nicht immer Verständnis oder Unterstützung bekommen. 
Und auch wenn wir versuchen, im Leben alles richtig zu machen und immer liebevoll zu handeln, entwickeln sich Dinge immer wieder anders als wir das gern hätten.

Jesus beschreibt im Matthäusevangelium ganz deutlich, dass auch der Glaube an ihn, die Probleme des Lebens nicht einfach beseitigt. Aber: Er verspricht, dass er die Jünger (und auch uns) in den Schwierigkeiten des Lebens beschenkt – mit neuem Leben, mit neuen Perspektiven und mit Hoffnung für die Zukunft.

Ich wünsche auch uns allen immer wieder die Zuversicht, die Dankbarkeit und die Freude von Abraham und Hagar und den Jüngern Jesu, dass Gott auch uns sieht und dass auch unsere Probleme mit Gottes Hilfe überwunden werden können. Dass Gott auch uns die Augen öffnet für die Quellen, die uns mit Kraft für das eigene Leben versorgen.

Amen.

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